Dienstag, 10. März 2015
Kurze Notiz zu: Braunsbedra
Diese Stadt ist ganz düster. Seit knapp zwanzig Jahren gibt es sie inzwischen, durch zahlreiche Eingemeindungen der nicht weggebaggerten Tagebausiedlungen ist sie auf 12.000 Einwohner gewachsen und erstreckt sich um den östlichen Teil des Geiseltalsees, dieses größten künstlichen Sees Deutschlands, der jetzt Naherholungsgebiet werden soll. Für Braunsbedra springt dabei ein Hafen heraus, neue Siedlungen sollen entstehen und durch den Zuzug finanzkräftiger Neubürger wird dann die ganze Wirtschaft hier unten im Saalekreis explodieren. Ganz bestimmt.
Aber der Boom boomt in Zeitlupe. Die meisten Siedler, die sich ein Häuschen mit Seeblick kreditfinanziert errichten, kommen aus Braunsbedra selbst, sind den ewiggleichen Platten entflohen, die sich über die ganze Stadt verteilen. Dort, zwischen den drei- und vierstöckigen Häuserzeilen, wo hinter jedem Fenster eine Kummeroma sitzt und in jeder Tür eine rauchende Jogginghose steht – da ist es richtig finster, da boomt überhaupt nichts.
Auch das Stadtzentrum scheint mehr auf Verfall als auf Aufschwung eingerichtet zu sein. Am Marktplatz, der eigentlich gar kein Platz ist, sondern von einer zweistöckigen Passage überdeckt wird, sitzen der Optiker und der Bestatter, die Kurzzeitpflege und die Tagespflege, das Rathaus direkt gegenüber der Fußpflege. Im einzigen Café im Karree heißt die Kellnerin „Garmen“ und wird von jedermann geduzt, auch von den beiden Polizistinnen, die bei ihr mit „Mama n Eis“ den drögen Dienst auflockern. Und die trotz gefunktem Einsatzkommando warten, bis „Garmen“ beide Portionen zurechtdrapiert hat. „Nee, bei mir keene Sahne, die jehd jleich off de Hifde“, sagt die dünnere Polizistin noch, dann trotten sie gemütlich Richtung Einsatzwagen.
Schaurige Aussicht über die Stadt: Direkt an der Landstraße steht das Seniorenhaus „Geiselblick“ mit Blick auf ebenjene Hauptverkehrsader davor und die Gnadenkirche dahinter. Dort liegen alle Vermeldungen auch in Russisch aus. Alte Gewohnheit oder Andrang der frommen Spätaussiedler? Niemand, den man fragen könnte.
Und der Typ am Bahnhof weiß auch nichts. Er wartet zwanzig Minuten, bis der Zug kommt, um dann den Bahnsteig in Richtung Stadt zu verlassen. So ähnlich scheint es hier mit dem Aufschwung zu sein: ein Warten, ein desillusioniertes Hoffen – und die einmalige Gelegenheit zum Fortkommen zieht ungenutzt an Braunsbedra vorbei.

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Montag, 9. März 2015
Krieg und Frieden um Kiew in Merseburg
Das Verhältnis zwischen Heinrich II. (973/978–1024) und Bolesław I. (um 965–1025) war kein einfaches. Der polnische Herzog hätte viel lieber seinen Halbbruder, Ekkehard von Meißen, auf dem deutschen Königsthron gesehen. Doch dieser war 1002 kurz vor der entscheidenden Wahl unter dubiosen Umständen ermordet worden. Statt seiner wurde Heinrich II. zum König gewählt, wenn auch mit recht unlauteren Mitteln: Einige Adlige wurden bestochen, andere von der Wahl ausgeschlossen – gut möglich, dass Heinrich II. auch seinen Mitbewerber Ekkehard aus dem Weg schaffen lassen hat.
Im Sommer 1002 trafen der deutsche König und der polnische Herzog erstmals zum Hoftag in Merseburg zusammen. Der erst kürzlich gekrönte Heinrich wollte hier vor den versammelten Adligen Sachsens, die zum großen Teil gegen ihn eingestellt waren, Stärke demonstrieren. Bolesław hingegen wollte das Erbe seines Halbbruders, die Markgrafschaft Meißen, mit Polen vereinen und beabsichtigte, hierfür die Zustimmung Heinrichs zu erlangen. Dieser dachte jedoch nicht im Traum daran, seinem Konkurrenten Bolesław einen Machtzuwachs zu verschaffen, noch dazu vor den Augen der sowieso schon kritisch eingestellten Sachsenfürsten. Der Pole beharrte dennoch auf seine vermeintlichen Erbrechte und so eskalierten schließlich die Verhandlungen: Der Herzog zog sich empört aus Merseburg zurück – und entkam auf der Heimreise, kaum hatte er die Stadt verlassen, nur knapp einem Attentat, hinter dem er Heinrich vermutete.
In den folgenden Jahren mobilisierte Bolesław seine weitverzweigte Verwandtschaft und baute ein militärisches Bündnis gegen den deutschen König auf, dem sich neben Polen und der Lausitz auch Dänemark und die Markgrafschaft Schweinfurt anschlossen. Doch weder Heinrich noch Bolesław konnten in den zahlreichen Scharmützeln, die sie gegeneinander ausfochten, eine Entscheidung herbeiführen. Und so zwang sie die militärische Patt-Situation letztendlich wieder an den Verhandlungstisch: Zu Pfingsten 1013 schlossen Heinrich und Bolesław in der Saalestadt den berühmten Merseburger Frieden, durch den die Lausitz als königliches Lehen an Polen fiel. Der Frieden wurde mit einer Ehe zwischen Bolesławs Sohn Mieszko und Richeza, einer Verwandten des deutschen Königs, besiegelt.
Dennoch kamen Heinrich und Bolesław dauerhaft nicht überein. Schon zwei Jahre nach dem Friedensschluss bekriegten sie sich erneut, diesmal stritten sie um Einfluss im Großfürstentum Kiew. Nach langen Jahren des Krieges ging Bolesław als Sieger aus dem Konflikt hervor: Der Friedensschluss von Bautzen 1018 erneuerte den einstigen Merseburger Frieden und ermöglichte es Bolesław, seine Macht auf Kiew und Meißen auszudehnen, wodurch er zum größten Herrscher Osteuropas wurde – und nach seiner Krönung 1025 zum ersten König Polens. Diesen Aufstieg seines ärgsten Konkurrenten erlebte Heinrich allerdings nicht mehr. Er verstarb im Jahr 1024, nachdem er bis zuletzt bei dem Papst Benedikt XIII. und seinem Nachfolger gegen die Krönung Bolesławs interveniert hatte.
Nach dem Tod des Polenkönigs gelang seinem Sohn Mieszko in gewisser Weise ein politischer Ausgleich, der dem Vater unmöglich gewesen war: Mit seiner deutschen Gattin Richeza führte Mieszko die Herrscherfamilie der Piasten fort, die Polen für Jahrhunderte beherrschen sollte.

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Geusa ohne Gans?
Die alten Ritter im Dorf führten sie einst in ihrem Wappen und noch heute flattert sie am Haus der örtlichen Feuerwehr: Seit jeher gehört die Gans zu Merseburgs jüngstem Stadtteil, könnte der Besucher meinen, wenn er die allmählich verwitternden Epitaphe an der Dorfkirche betrachtet und hier und da das weiße Vogelvieh ausmacht – doch weit gefehlt.
Die älteste bekannte Namensform Geusas stammt aus dem 9. Jahrhundert und findet sich im Hersfelder Zehntverzeichnis, einer Liste von Ortschaften, die im Merseburger Umland liegen und deren Bewohner der Reichsabtei Hersfeld den Kirchenzehnt zu entrichten hatten. Geusa taucht in der Steuerliste neben „Azechendorpf“ (Atzendorf) und „Blesin“ (Blösien) als „Husuuua“ auf. Dieser Ortsname geht auf die beiden althochdeutschen Wörter „hus“ (Haus) und „uuua“ (Aue) zurück. Somit bedeutet der Ortsname Geusas in etwa Häuser in der Aue. Nicht ganz unpassend, wurden doch viele Felder des Dorfes erst im vorletzten Jahrhundert trockengelegt.
Keine Gans für Geusa also? Nicht ganz, denn wenn kaiserliche oder bischöfliche Boten einst in das Dorf kamen, notierten sie das, was die Leute so brabbelten, mal als Gusua, dann als Geisaha, mal als Geyso, dann wieder als Gusewe, und so kam das Dorf allmählich zu seinem heutigen Namen. Zuletzt verlor Geusa im 19. Jahrhundert sei hinteres u, doch das erlebten die alten Ritter nicht mehr. Darum residieren sie heute in Österreich und den Niederlanden noch als Herren von Geusau – wie altmodisch.
Seit mehr als tausend Jahren ist nun das Althochdeutsche nicht mehr in Gebrauch und die eigentliche Bedeutung des Ortsnamen geriet längst in Vergessenheit. Und wo doch schon mal so viele Gänse über die Auenlandschaft zogen und Geisau, Geus und Gusowe so ein bisschen nach Gans klangen … Schwups entstand die Mär von der Gänseaue Geusa, die so sympathisch wurde, dass sogar die Ritter im Ort die Gans in ihr Wappen aufnahmen. Spätestens seitdem gehört die Gans zu Geusa, wenn auch nicht namentlich.

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